WÜRFEL 2015 UND 1985
Würfel oben: 3D-Arbeit 2015 Würfel unten: Airbrush-Arbeit mit Mischtechnik 1985 Bildformate der Originale: 800 mm x 600 mm
Bildbeschreibung:

GESCHICHTE

Zwischen dem oberen und unteren Bild liegen 30 Jahre Entwicklung. Das obere Bild ist eine 3D-Arbeit aus dem Jahr 2015. Das untere Bild ist eine Airbrush-Arbeit aus dem Jahr 1985, bei der ich erstmals einen Computer zur Lösung eines gestalterischen Problems einsetzte. Auch aus diesem Grund ist diese Illustration für mich ein wichtiger Meilenstein. Am Ende dieser Beschreibung gehe ich noch einmal darauf ein.

Nach 1985 beschäftigte ich mich bereits zweimal mit der Aufgabe, einen einfachen und einen sechsgliedrigen Würfel darzustellen, bevor ich es diesen Sommer abermals wissen wollte und mich im Zusammenhang mit dem Thema Klonen erneut mit den Würfeln beschäftigte. Das Resultat ist das oberste Bild. Die mir gestellte Aufgabe lautete: Im Gesamteindruck so nah wie möglich an die erste Arbeit von 1985 heranzukommen, dabei meine neuen Möglichkeiten der Gestaltung einzusetzen.

Das erste Mal griff ich im Jahr1989 mit damals Fourore machenden Rechnern der Firma Intergraph das Thema wieder auf. Ingenieure der Münchener Niederlassung ließen sich von der Aufgabe begeistern, ein Drahtgittermodell eines sechsgliedrigen Würfels rotieren zu lassen. Dazu verbanden sie mehrere Rechner und ließen sie von Freitag bis Montag arbeiten. Das Resultat schmückt noch heute mein Archiv in Form einer 23 cm großen Magnetbandspule (siehe Abbildung links), die mir freundlicherweise für die Weiterverarbeitung zur Verfügung gestellt wurde.

Das zweite Mal ließ ich einen solchen Würfel im Jahr 2000 mit Hilfe eines Rechners mit dem Namen "Paintbox" der Firma Quantel rotieren. Diese Bildbearbeitungsrechner wurden damals vorzugsweise in der Fernseh- und Videoproduktion eingesetzt und ich arbeitete längere Zeit mit ihnen. Damit konnte ich ein sechgliedrigen Gitterwürfel bereits in bildschirmfüllender (720 Pixel x 576 Pixel) filmtauglicher (25 Bilder pro Sekunde) Bildfolge und in Echtzeit rotieren lassen. Eine VHS-Kassette mit dem Filmchen hob ich auf (siehe Abbildung links - das Größenverhältnis der beiden Abbildungen ist 1:1).
Besonderheiten

Die Techniken, die den beiden Bildern von 2015 und 1985 zugrunde liegen, unterscheiden sich in ihren Möglichkeiten gewaltig.

Bei einer 3D-Arbeit stehen die Würfel mit ihren Materialeigenschaften, der Raum in dem sie sich befinden ("Studio" genannt), die Scheinwerfer und die diversen Kameras zwischen denen hin- und hergeschaltet werden kann, per digitaler Daten zur Verfügung. Damit ist es möglich, nicht nur das gesamte aufgebaute "Studio" für andere Projekte zu nutzen, sondern jedes darin enthaltene Objekt erneut zu manipulieren, oder gar neue Teile hinzuzufügen und damit ein neues Bild oder gar einen neuen Film zu erzeugen. Das finale Bild, alle Zwischenergebnisse bzw. Versuche usw. sind bequem auf einer Festplatte archivierbar. Wie oft mein digitales Archiv die nächsten Jahre auf neue Medien zu überspielen sein wird, ist eine andere Frage. Ursprünglich sicherte ich auf Disketten, diese übertrug ich nach einigen Jahren auf Storage-Sets (Archiv-System mit Mini-Magnetbändern) um nach ein paar Jahren alles auf CDs zu brennen. Seit Mitte der 90er Jahre speichere ich auf Festplatten. Allerdings übertrug ich die Daten regelmäßig auf neuere und größere Platten. Disketten (0,8 MB und 1,6 MB) kann ich heute noch mit einem externen Diskettengerät lesen, die Storage-Sets nicht mehr. Auch die Daten der Intergraph-Magnetspule von der ich oben berichtete, sind momentan für mich nicht zugänglich.

Bei einer Airbrush-Arbeit hingegen können nur das Original und Zwischenergebnisse wie etwa Skizzen, Zeichnungen und Repros sowie Ablichtungen hiervon (Fotos, Dias) archiviert werden und stehen somit einer Dokumentation (wie in diesem Fall weiter unten) zur Verfügung. Auch ließe sich die Arbeit bei jedem Zwischenergebnis wieder aufnehmen, um beispielsweise auf einem Repro einen andersfarbigen Hintergrund einzuziehen. Die Mengen an Material sind enorm, der Platzbedarf beim Archivieren ebenso. Darüber hinaus hat das Archiv trocken zu sein. Allerding sind die Daten direkt zugänglich und bedürfen keiner Hardware zur Interpretation, wie beim digitalen Archiv.

Die Möglichkeit des 3D-Designs, schnellen uneingeschränkten Datenzugriff zu gewähren, motiviert mich manchmal, mehr Zeit in die Gestaltung eines einzelnen Objekts zu stecken, da es später auch anderweitig eingesetzt werden kann. So geschehen auch bei den Stangen, aus denen die Würfel zusammengesetzt sind. Diese Stangen mit ihrer präzisen Ausarbeitung bei den Gärungen und Kanten sind in Zukunft bei jeder rechtwinkeligen Konstruktion aus Stangen einsetzbar.

Bevor ich die Konstruktion und (kniffelige) Vervielfältigung dieser Teile zeige, ein paar Anmerkungen zu einigen Besonderheiten:

Die beiden Bilder links, mit A und B gekennzeichnet, zeigen oben eckige (2015) und unten runde Stangen (1985). Eckige Stangen wären 1985 technisch zu aufwendig gewesen, wenn nicht gar unmöglich, obwohl ich sie damals bereits im Kopf hatte. Die einzelnen Stangen des Würfels sind im Original so fein, dass eine eckige Stange und deren Kanten damals nicht mehr präzise gearbeitet werden hätte können. 3D-Design kennt solcherlei Beschränkungen nicht, da die Daten in nahezu jeder gewünschten Größe bearbeitet und ausgegeben werden können.

Eine andere Besonderheit ist eine gestalterische Möglichkeit, die in der Fotografie seit langem unter dem Begriff "Tiefenschärfe" bekannt ist.

Was ist Tiefenschärfe? Wie mit einer realen Kamera ist es möglich, Teile eines Bildes in unterschiedlichen Entfernungen zur Filmebene scharf und unscharf darzustellen. Im Fall von A ist der vordere Bereich des großen Würfels im Bereich des roten Pfeils scharf und der hintere, beim gelben Pfeil, unscharf.

Die Intensität der Tiefenschärfe und ihr Verlauf kann präzise eingestellt werden. Diese Gestaltungsmöglichkeit erzeugt bei entsprechendem Einsatz eine sehr reale Wirkung, wie hier zu sehen ist. Dies war in dieser Form 1985 nicht möglich.

Die dritte Besonderheit, auf die ich hinweisen möchte, sind die Schatten.

Zunächst einmal: Ein Schatten ist eine unbeleuchtete Fläche bzw. ein unbeleuchteter Raum hinter einem beleuchteten Körper.

Dabei wird zwischen Eigenschatten und Schlagschatten unterschieden. In der linken Abbildung, einem Ausschnitt des Bildes aus dem Jahr 2015, weist der violette Pfeil auf eine Ecken-Stange, die eine der Lichtquelle zugewandte Seite (hell) und eine ihr abgewandte Seite (dunkel) hat. Die dunkle Seite der Stange wird durch ihren eigenen Schatten erzeugt. Daher der Name Eigenschatten.

Anders verhält es sich bei einem Schlagschatten. Dieser wird durch einen fremden Körper verursacht, der zwischen der Lichtquelle und dem Objekt liegt. Die beiden grünen Pfeile zeigen jeweils auf einen Schlagschatten an den hellen horizontalen Stangen, der von den hierzu querlaufenden dunklen horizontalen Stangen erzeugt wird. Die orangenen Pfeile deuten auf einen anderen Schlagschatten auf den gleichen Stangen, die jedoch von den vertikalen Stangen geworfen werden, die sich eine Stangenlänge links davon befinden.

Alle Stangen besitzen in diesem Bild einen Eigenschatten, und nur jene Stangen trifft ein Schlagschatten, bei denen sich zwischen ihnen und der

Lichtquelle ein Objekt befindet, in diesen Fällen eben andere Stangen.
Die Würfel in beiden Bildern (2015 und 1985) wurden mit Eigenschatten gearbeitet. Jedoch nur im Würfel von 2015 finden sich Schlagschatten. Vor 30 Jahren wäre das Anlegen eines Schlagschattens bei solch einem filigranen Gegenstand wie diesen Gitterwürfel allenfalls intuitiv vorstellbar und ich verzichtete darauf. Das Risiko, dabei falsche Akzente zu setzten, war zu hoch.

Wie in obiger Abbildung schön zu sehen ist, unterliegen alle Schlagschatten zudem auch noch der angelegten Tiefenschärfe, die ich weiter oben bereits vorstellte. Diese wird bei den von den grünen Pfeilen angezeigten Schlagschatten deutlich: Der vordere Schlagschatten ist schärfer als der hintere. Heute ist es möglich, die Einstellungen sowohl der Gesamtintensität eines Schattens als auch seine Abnahme in der Tiefe so oft zu verändern und zu testen, bis das Resultat den eigenen Vorstellungen entspricht. Diese umfangreiche Kontrolle über verschiedenste Eigenschaften kenne ich bei keiner anderen Technik in dem Ausmaß wie beim 3D-Design.

STANGEN
Nun komme ich auf das - oben kurz angesprochene - aufwendige Design der Würfelstangen zu sprechen:
Bei einem großen Gitterwürfel der vorliegenden Art treffen die einzelnen Stangen - je nach Position - mit einer unterschiedlichen Anzahl ihresgleichen zusammen. Dadurch sind unterschiedliche Enden erforderlich. So treffen an den Ecken nur 3 Stangen (siehe Abbildung links, roter Kreis), an den Kanten 4 Stangen (gelber Kreis), an den Flächen 5 Stangen (grüner Kreis) und im Inneren des Würfels 6 Stangen (blauer Kreis) aufeinander.

Entsprechend stellte ich unterschiedliche Stangen her und versah sogar alle Kanten mit einer Fase. Diese Details sind erst bei einer größeren Abbildung in ihren Einzelheiten sichtbar.

Abbildungen links:

1. Farbige Kreise zeigen die unterschiedlichen Verbindungen
2. Alle Stangenkanten sind mit Fasen versehen.
3. Das Ecken-Ende einer Ecken-Stange aus anderer Perspektive

Für den großen Gitterwürfel werden 4 Verbindungsarten mit 6 verschiedene Stangen benötigt. Eine Ecken-Stange, zwei Kanten-Stangen, zwei Flächen-Stangen und eine Raumstange. (siehe Abbildungen unten). Die Stangen wurden hier im Sinne einer besseren Übersichtlichkeit entsprechend ihrer Zugehörigkeit eingefärbt.
Der kleine Würfel, der links des großen schwebt, besteht aus 12 Ecken-Stangen, die - anders als die Ecken-Stangen des großen Würfels - alle jeweils zwei Ecken-Endungen haben. Diese Ecken-Stange ist in der unten stehenden Liste nicht mit aufgeführt.
Abbildung oben: Für den großen Gitterwürfel werden durch die 4 Verbindungsarten, die jeweils am Ende einer jeden Stange benannt sind, insgesamt 6 verschiedene Stangen benötigt.
KLONEN

Die Struktur der Vervielfältigung der unterschiedlichen Würfelstangen per Klonen soll gestatten, später einmal aus einem sechgliedrigen Würfel einen x-beliebig gegliedertenWürfel zu erstellen.

Auf den ersten Blick sieht das Vorhaben nach einer schlichten Gitterklonung aus. Doch die unterschiedlichen Stangen verkomplizieren die Sache nicht unerheblich. Mehrere Tage tüftelte ich, um eine kurze Klonreihe zu entwickeln. Diese sieht so aus:

Geklont wird innerhalb eines Achtels des Würfels, der somit dreigliedrig wird. Die Verbindungsstellen der Stangen werden entsprechend durchnummeriert. Der Ein-Achtel-Würfel kann anschließend - je nach Anwendungsart - 3x dupliziert und gedreht oder 3x dupliziert und gespiegelt werden. 1. Begonnen wird am unteren vorderen Eck. Die erste Gruppe (Eckgruppe) von Stangen trifft sich am Punkt X1, Y1 und Z1.

Diese Gruppe wird nicht geklont.

2. Die zweite Gruppe (Kantengruppe 1) von Stangen trifft sich am Punkt X1, Y2 und Z1.

Diese Gruppe wird 2x Richtung Y geklont.
Der zweite Klon wird um die Y-Stange gekürzt.

3. Die dritte Gruppe (Kantengruppe 2) von Stangen trifft sich am Punkt X1, Y1 und Z2.

Diese Gruppe wird 2x Richtung Z geklont.
Der zweite Klon wird um die Z-Stange gekürzt.

4. Die vierte Gruppe (Kantengruppe 3) von Stangen trifft sich am Punkt X2, Y1 und Z1.

Diese Gruppe wird 2x Richtung X geklont.
Der zweiten Klon wird um die X-Stange gekürzt.

5. Die fünfte Gruppe (Flächengruppe1) von Stangen trifft sich am Punkt X1, Y2 und Z2. Diese Gruppe wird erstmals zugleich in zwei Richtungen geklont: Je 2x Richtung Y und Z. Die zweiten Klone werden bei Y um die Y- und bei Z um die Z-Stangen gekürzt.
6. Die sechste Gruppe (Flächengruppe2) von Stangen trifft sich am Punkt X2, Y2 und Z1.
Diese Gruppe wird zugleich in zwei Richtungen geklont: Je 2x Richtung X und Y. Die zweiten Klone werden bei X um die X- und bei Y um die Y-Stangen gekürzt.
7. Die siebte Gruppe (Flächengruppe3) von Stangen trifft sich am Punkt X2, Y1 und Z2.
Diese Gruppe wird zugleich in zwei Richtungen geklont: Je 2x Richtung X und Z. Die zweiten Klone werden bei X um die X- und bei Z um die Z-Stangen gekürzt.
8. Die achte Gruppe (Raumgruppe) von Stangen trifft sich am Punkt X2, Y2 und Z2.

Diese Gruppe wird erstmals zugleich in drei Richtungen geklont: Je 2x Richtung X, Y und Z. Die zweiten Klone werden bei X um die X- bei Y um die Y- und bei Z um die Z-Stangen gekürzt.

Zusammenfassend zeige ich hier die einzelnen Gruppen mit ihren Klonrichtungen (siehe Abbildung links). Die Klonrichtungen sind jeweils durch die roten Pfeile gekennzeichnet.

Sollte der sechgliedrigen Würfel in einen x-beliebig gegliederten Würfel erweitert werden, so ist die entsprechende Anzahl jeweils an diesen Stellen zu modifizieren.

Hiermit ist 1/8 des großen Gitterwürfels erstellt.

Er setzt sich zusammen aus 3 Ecken-Stangen (rot), 24 Kanten-Stangen (gelb), 72 Flächen-Stangen (grün) und 72 Raum-Stangen (blau).

Alternativ könnte die Kantengruppe1 kopiert und als Kantengruppe2 und als Kantengruppe3 eingesetzt und entsprechend positioniert werden. Somit würde eine Neuanlage der beiden letzten Kantengruppen entfallen.

Gleiches gilt für die drei Flächengruppen.

An dieser Klon-Dokumentation wird einmal mehr die Weisheit deutlich: "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte". Der nicht ganz einfache Sachverhalt des Klonens eines Gitterwürfel mit unterschiedlich geformten Stangen ist nach der oben erfolgten Aufdröselung trotz des komlizierten Sachverhalts doch recht übersichtlich geworden - auch für mich ;-)

Der 1/8 große Gitterwürfel (dreigliedrig) kann nun kopiert und per Gleit-Drehung oder Gleit-Spiegelung zu einem sechsgliedrigem Würfel erweitert werden.

In der linken Animation zeige ich die Erweiterung per Gleit-Drehung:

1. Als Mutter dient der 1/8 große Gitterwürfel (dreigliedrig)
2. Ein Klon wird um 180° auf der XZ-Ebene gedreht
3. und auf der X-Achse um seine Länge verschoben.
4. Der Klon wird an der Nahtstelle um die Y- und Z-Stangen gekürzt
5. und mit der Mutter zu einem 1/4 großen Gitterwürfel vereint.
6. Hiervon wird ein Klon um 180° auf der ZX-Ebene gedreht
7. und auf der Z-Achse um seine Breite verschoben.
8. Der Klon wird an der Nahtstelle um die X- und Y-Stangen gekürzt
9. und mit der Mutter zu einem 1/2 großen Gitterwürfelvereint.
10. Hiervon wird ein Klon um 180° auf der YX-Ebene gedreht
11. und auf der Y-Achse um seine Höhe verschoben.
12. Der Klon wird an der Nahtstelle um die X- und Z-Stangen gekürzt
13. und mit der Mutter zum sechsgliedrigen Würfel vereint.

AIRBRUSH-ARBEIT 1985

Abschließend komme ich auf meine Airbrush-Arbeit aus dem Jahr 1985 zurück.

Das erste Mal arbeitete ich den sechsgliedrigen Gitterwürfel als Auftragsarbeit für die Werbeabteilung der Siemens AG, Bereich "Öffentliche Netze" mit einer auf Airbrush basierten Technik (erst Computerskizze, dann Strichzeichnung, Repro, Farblabor und Airbrush).

Die Strichzeichnung hatte ich anfangs delegiert, aber - nachdem zwei Mitarbeiter nacheinander "den Löffel warfen" - das Zeichnen selbst übernommen. Rasch wurde auch ich von den auftretenden Orientierungsschwierigkeiten während des Zeichnens überwältigt.

Um die großen Orientierungsprobleme nachzuvollziehen, empfehle ich bei der weiter untenstehenden linken Abbildung, eine Polaroidaufnahme aus dem Jahr 1985, den ersten innenliegenden viergliedrigen Würfel zu orten. Es ist wirklich nicht leicht!

Je weiter man nach innen vordringt, umso mehr Konzentration ist erforderlich. Mir blieb nichts anderes übrig, als die Arbeit in einzelne Arbeitsschritte zu zerlegen. Dies zeige ich später in einer Bildfolge.

Verwendung der Illustration in einer in Englisch geschalteten Anzeige für BS2000 Computer

Die Illustration wurde in einer von der Siemens AG international geschalteten Werbekampagne für ihr europäisches Computersystem BS2000 als Hauptmotiv in Anzeigen, Plakaten und Displays eingesetzt und von der Zeitschrift W&V (ein Fachblatt des Süddeutschen Verlags für die Werbebranche) als beste Zeitungsanzeige im Oktober 1985 ausgezeichnet.

AUSWAHL ANSICHT

Eine Hürde ist bereits im Vorfeld zu nehmen. Dazu ist folgendes zu beachten: Schaut man durch einen sechgliedrigen Gitterwürfel, so ergeben sich je nach Drehung der drei Achsen Breite, Länge oder Höhe, unterschiedliche Verdichtungsstrukturen.

Vor dem Beginn des Zeichnens einer - wie der vorliegenden Zenralperspektive - sind drei Fluchtpunkte festzulegen. Erst nachdem ein Gutteil der Würfeltiefe konstruiert ist, zeigt sich die Verdichtungsstruktur, die sich durch das Verhältnis der drei Fluchtpunkte zueinander ergibt und erst dann ist eine ästhetische Beurteilung dieser Struktur möglich. Jeder "Versuch" wäre also sehr arbeitsintensiv.

Welch unterschiedliche Verdichtungsstruktur die Würfelstäbe - je nach Rotation - ergeben, demonstrieren die beiden untenstehenden Ansichten eines sechsgliedrigen Würfels. Links zeigt ein Polaroid aus dem Jahr 1985 und rechts eine gerenderte 3D-Ansicht, die ich für diese Demonstration 2015 mit den Stangen des oben gezeigten 3D-Würfels anfertigte. Die rechte Verdichtungsstruktur wirkt im Vergleich zur linken sehr gleichförmig um nicht zu sagen langweilig.

Um eine reizvolle Ansicht zu finden, kam ich 1985 auf die Idee, erstmals einen Computer einzusetzen. Da in der Graphischen Werkstatt, für die ich damals bereits als geschäftsführender Gesellschafter arbeitete, nur in der Verwaltung versuchsweise PCs eingesetzt wurden, suchte ich einen Dienstleister für PC-Anwendungen auf. Ja das gab es Mitte der 80ger Jahre in München. Dort tippte ein Operator die Daten des sechsgliedrigen Würfel per Tastatur in einen PC ein, während ich fasziniert daneben saß. Da der Rechner zum Rotieren des Würfels nicht genügend Rechenleistung hatte, musste er - nach ausgiebiger Diskussion mit einem Kollegen - einem zweiten PC Teile entnehmen (vermutlich Chips für das RAM) und sie in den von ihm benutzten Computer einbauen. Damit war ein Rotieren per Gradeingabe der drei Achsen möglich. Der PC arbeitete eine Weile und langsam erschien Zeile für Zeile eine Bildschirmansicht. Auf diese Weise konnte ich mich an eine interessante Verdichtungsstruktur herantasten. Letztendlich wurde die gewählte Ansicht über ein Polaroid ausgegeben, eben das bereits vorgestellte Polaroid.

Das mit einem PC erzeugtes Polaroid aus dem Jahr 1985 zeigt die in der Illustration zur Anwendung gelangten perspektivische Ansicht Zum Vergleich eine im Jahr 2015 angefertigte 3D-Ansicht mit einer weniger geeigneten Verdichtungsstruktur

ZEICHNEN

Das Polaroid vergrößerte ich per fotografischer Repro in der Größe der beabsichtigten Illustration und hatte hiermit eine Zeichenhilfe für die Strichzeichung. Hiervon konnten die drei benötigten Fluchtpunkte abgeleitet werden, die für eine Konstruktion unerlässlich waren.

Obige Animation zeigt die Entstehung der Strichzeichnung. Gezeichnet wurde mit Rapidographen. Das waren mit Tusche arbeitende Spezial-Füller mit präzisen Strichstärken von 0,1 mm, 0,25 mm, 0,3 mm usw. bis 3 mm. Gezeichnet wurde auf hochwertigem transparentem Papier. Bei Fehlern konnte mit einem Skalpell mit unterschiedlich geformten Klingen die getrocknete Tusche abgekratzt werden. Dafür gab es verschiedene Techniken. Alle erforderten ein gewisses Geschick und Erfahrung. Die rauhe Stelle auf dem Papier, die durch das Kratzen mit dem Skalpell im Falle einer nötigen Korrektur entstand, wurde mit einem speziellen Radierstift geglättet, um beim Überzeichnen ein unkontrolliertes zerfließen der Tinte in zerstörter Papierstruktur zu verhindern. Solche Korrekturen konnten an einer Stelle sooft wiederholt werden, bis man sich auf diese Weise durch das Transparentpapier regelrecht hindurchgearbeitet hatte. Diese Transparentpapiere gestatteten außerdem ein Durchzeichnen einer dahintergelegten Vorlage. Sie waren in graphischen Ateliers sowie in Konstruktionsbüros von Ingenieuren und Architekten weitverbreitet.

Die Animation zeigt folgende Bilder:

1. Das vergrößerte Polaroid mit zwei der drei ermittelten Fluchtpunkte (Kreuze links und rechts). Der dritte Fluchtpunkt liegt außerhalb.
2. Eine erste Tuschezeichnung auf Transparentpapier zeigt alle Linien des Polaroids.
3. Auf dem Transparentpapier sind einige Orientierungshilfen, u.a. die beiden innenliegenden vier- und zweigliedrigen Würfel skizziert.
4. Aus den Linien wurden Stangen des äußeren Würfels entwickelt. Hierzu gab es weitere Konstruktionshilfen, die ich hier nicht zeige.
5. Dieses Bild zeigt die horizontalen Verbindungsstangen zwischen äußerem und zweiten Würfel.
6. Hier sehen wir den zweiten großen Würfel, dessen Linien dort unterbrochen sind, wo sich der erste äußere große Würfel befindet.
7. Das letzte Bild zeigt den inneren großen Würfel mit Unterbrechungen, die vom äußeren und vom zweiten Würfel veranlasst sind.

REPRO

Somit existieren mehrere Einzelzeichnungen, die nun zur Weiterverarbeitung mehrmals fotomechanisch reproduziert und vereint wurden.

Die Strichzeichnungen wurden mittels Filmen zusammenkopiert und auf Papierabzügen mehrmals positiv und negativ weiterbearbeitet. In der obenstehenden Animation zeige ich dieses Verfahren. Das Zeichnen auf einem Negativ wählte ich deshalb, da ein Arbeiten mit dunkler Farbe auf hellem Hintergrund generell wesentlich einfacher und präziser ist, als mit weiß auf schwarz zu arbeiten. Auch waren die Rapidographen in der Regel mit schwarzer Tusche befüllt.

Die Animation zeigt folgende Bilder:

1. Von den beiden Zeichnungen 1 und 2 wurden bereits die hier gezeigten Filme angefertigt und so zu Film 1+2 zusammenkopiert.
2. Gleiches gilt für die Zeichnungen 3 und 4, die zum Film 3+4 zusammenkopiert wurden. Die Filme 1+2 und 3+4 zeige ich hier nicht.
3. Die beiden Filme 1+2 und 3+4 werden nochmals zu einem 1. Papierabzug zusammenkopiert, welche nun hier zu sehen ist.
4. Auf dem 1. Papierabzug akzentuierte ich den Würfel entsprechend Licht und Schatten mit schwarzer Tusche .
5. Diese Licht-Schatten-Akzentuierung setzte ich als letzte Zeichenarbeit auf einem 2. Papierabzug (negativ) fort.
6. Ein 3. Papierabzug (positiv) stellt das Resultat der Zeichenarbeit dar.

Es wurden insgesamt an Repromaterial 6 Filme (1, 2, 1+2, 3, 4, 3+4) und 3 Papierabzüge benötigt um zu diesem Zwischenziel zu gelangen. Da jedes Umkopieren gleichzeitig ein Absichern der bisher geleisteten Arbeit darstellt, da im Falle eines Falles mit der letzten Kopie die Arbeit wieder aufgenommen werden kann, ist der materielle Aufwand in jeder Hinsicht gerechtfertigt.

FARB-LABOR

Den 3. Papierabzug kaschierte ich auf Karton. Es kam nun ein von mir entwickeltes Verfahren zum Einsatz, das ich kurz erläutere:
Der Vorteil, den das Zeichnen (linear) auf einem Negativ bringen kann, stellte ich oben dar. Diese Reversaltechnik nutzte ich manchmal auch bei Airbrush-Arbeiten (flächig) in Verbindung mit farbiger Fototechnik. Nach dem bereits oben erklärten Motto, dass dunkler Farbauftrag auf hellem Untergrund einfacher vonstatten geht, spritzte ich einen beabsichtigten Lichthof einfach in Schwarz auf den 3. kaschierten Papierabzug und fertigte hiervon ein Farbnegativ. Allerdings bestimmte ich, dass aus schwarz weiß und aus weiß blau (anstatt schwarz) belichtet wird.

Die obige Animation zeigt diese Technik mit folgenden Bildern:

1. Der 3. Papieraufzug des fertig gezeichneten Gitterwürfels kaschiert auf Karton
2. Mit Airbrush gespritzter dunkler Lichthof
3. Negativer Farbabzug nach der Vorgabe schwarz ist weiß und weiß ist blau

Normalerweise steht dieser Farbabzug für eine Dokomentation nicht zur Verfügung, da auf ihm ja per Airbrush und Pinsel weitergearbeitet wird, wie ich unten zeige. Diese Aufnahme entstand für eine Dokumentation, die ich bei von mir gehaltenen Airbrush-Seminaren einsetzte.

AIRBRUSH

Auf diesem abermals auf Karton kaschierten Farbabzug wurde schließlich mit der Spritzpistole und feinen Pinseln die Arbeit fortgesetzt, wie an der untenstehenden Animation zu vergleichen ist.

Als Erstes modellierte ich alle Stäbe. Um eine möglichst große Tiefenwirkung zu erreichen, legte ich besondere Aufmerksamkeit auf die Stäbe, die vor dem Lichthof und knapp dahinter lagen. Der Hintergrund erhielt den glatten Verlauf von dunkel- zu hellblau. Am großen Gitterwürfel legte ich den zarten äußeren Lichtschein vor dem dunklen Teil des Hintergrund.

ZUSAMMENFASSUNG

Diese beiden Bildbeschreibungen zeigen, was teilweise hinter dem Würfel von 2015 und dem Würfel von 1985 steckt. Egal ob damals oder heute, es gilt: Ohne Fleiß kein Preis. Der Übergang von der analogen zur digitalen Illustration fand zwischen diesen beiden Bildern statt. Die Fertigkeiten der Hände verlagern sich zunehmend in den Kopf. Der anhaltende Fortschritt eröffnet gestalterische Möglichkeiten, die Tag für Tag von mir entdeckt und entsprechend angewendet werden und die mich alten Hasen, der bereits analog keine Mühe scheute, sehr begeistern!